Biografie Amenemhet I.

Bauten Amenemhet I.

Beamte Amenemhet I.

Quellen und Literatur-Angaben am Ende dieser Seite -nummerierte Verweise im Text
PM = Porter Moss, Topographical Bibliography of Ancient Hieroglyphic Text, Reliefs and paintings 1927-1952

Bilder oben:
 links: MET New York, CC0 1,0 ; rechts: Courtesy to Jon Bodsworth for public domain

Allgemein

König Amenemhet I. war der 1. Herrscher, der sich wieder in einer Pyramide bestatten ließ, die noch zu einem großen Teil aus Steinmaterial bestand. Lt. Miroslav Verner (in: die Pyramiden, Rowohlt-Verlag 1998 "ließ er in der Residenzstadt Waset sein unvollendetes Felsgrab zurück", als er beschloss, seine neue Hauptstadt Itj-taui in der Nähe von Memphis zu erbauen. Archäologisch konnte die neue Hauptstadt bis heute jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Über den Baubeginn seiner Pyramide wird kontrovers diskutiert. Nach früherer Auffassung einiger Ägyptologen begann Amenemhet mit dem Bau seiner Pyramide nicht gleich nach seiner Thronbesteigung und dass aufgrund dieser Verzögerung auch Sesostris I. erst verspätet (ab seinem 10. Regierungsjahr) mit seiner eigenen Grabanlage begann.

Nach anderer Lesung  (siehe Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen, Düsseldorf 2002, Albatros-Verlag, S. 52) begann er mit dem Bau seiner Pyramide in el-Lischt (40 km südlich von Saqqara) schon "in seinem 1. Regierungsjahr. Er nannte seine Pyramide: "[Kult-]Stätten des Erglänzens des Amenemhet". Hauptgrund für die Verlegung der Reichshauptstadt war sicherlich die Kontrolle über die bis dahin bestehenden starken Gaufürstentümer. Mit einer Seitenlänge von 84 Metern und einer Neigung von 54° 27' besaß die Pyramide eine Höhe von 59 Metern. Da das Neue Grabmal wohl erst spät in der Regierungszeit des Königs begonnen wurde, wurde der Totentempel der Anlage erst von seinem Nachfolger vollendet.

Einer der Gründe für den möglicherweise späten Beginn des Baus seiner Grabanlage im Raum Memphis, könnte dem Umstand geschuldet sein, dass er erst seine Regentschaft festigen musste - und er zu Beginn seiner Herrschaft schon in Theben mit dem Bau eines Königsgrabes begonnen hatte, dann aber sich für einen Umzug seiner Residenz nach Itj-taui in der Nähe von Memphis entschied und das angefangene Königsgrab aufgab.

Im Gegensatz zur Pyramide seines Sohnes Sesostris I. sind von der Amenemhet I.-Pyramide deutlich weniger "Kontrollmarken" der altägyptischen Handwerker erhalten geblieben und nur drei von ihnen tragen Datumsangaben. Nur bei einer von ihnen ist die Jahreszahl erhalten geblieben. Sie stammt aus dem 1. Regierungsjahr Amenemhets I., womit zumindest belegt ist, dass der König unmittelbar nach der Thronbesteigung mit dem Bau seiner Pyramidenanlage begann (Quelle: Felix Arnold: The Control Notes and Team Marks. New York 1990, S. 61-62). 

Forschungsgeschichte

Eine erste Dokumentation der Pyramide nahm 1839 der Brite John Shae Perring vor. Eine Publikation erfolgte 3 Jahre Jahre später (1842) durch ihn selbst und durch Richard William Howard Vyse. Eine weitere Untersuchung erfolgte durch den deutschen Ägyptologen Richard Karl Lepsius zwischen März und Mai 1843 während seiner Ägypten-Expedition in den Jahren 1842-1846. Die Pyramide wurde vermessen und unter der Nummer "LX" in der Liste von Lepsius verzeichnet.

Es war Gustave Maspero, dem es 1882-83 zum erstenmal gelang, ins Innere der Pyramide vorzudringen. Leider wurde er aber durch den damals bereits schon hoch anstehenden Grundwasserspiegel daran gehindert, die tiefer liegenden eigentlichen Grabräume zu betreten. Er folgte bei seiner Erforschung des Pyramideninneres dem Stollen der antiken Grabräuber, dabei fiel ihm bereits ein mächtiger, (noch heute in situ befindlicher) Granitarchitrav auf, der die Kartusche mit dem Namen König Chephren trug - der Block misst 4,05 x 0,90 x 0,85m. Leider ging Maspero in seinem kurzen Grabungsbericht nicht ausführlicher auf die alten Bauspolien im Inneren der Pyramide ein.

An seine Arbeit knüpfte die französische archäologische Expedition des Instituts Francaise d'Archeologie Oriental an, die von Joseph Etienne Gauthier und Gustave Jequier 1894-94 geleitet wurde. Erstmals wurde die Anlage systematisch untersucht und umfassend publiziert - es gelang jetzt auch den bislang unbekannten Grabinhaber (Amenemnet I.) festzustellen.

Weitere Grabungen des amerikanischen Metropolitan Museums of Art wurden zwischen 1906 und 1934in 14 Kampagnen in el-Lischt durchgeführt. Fünf davon (von 1904-1914) unter der Leitung von Albert M. Lythgoe und Arthur C. Mace (er arbeitete hier ab 1920-1922), die alle der Pyramide von Amenemhet I. galten - aber außer Vorberichten erschienen damals keinerlei Publikationen (Grabungsberichte in BMMA / 2.April 1907; Juli 1907; Mai 1908; Oktober 1908; Oktober 1814; November 1921 und Dezember 1922. Die für 1922/23 geplante Kampagne wurde kurzfristig abgesagt, weil Arthur Mace und ein Großteil des restlichen Grabungsteams durch Lord Carnavon angeworben wurden, um Howard Carter bei der Freilegung und Dokumentation des kurz zuvor entdeckten Grabes KV 62 von Tutanchamun im Tal der Könige bei Luxor zu unterstützen.

Da sich danach der Gesundheitszustand von Mace in den folgenden Jahren deutlich verschlechterte, wurden die Grabungen des Metropolitan Museums am Pyramidenbezirk von Amenemhet I. vorerst nicht wieder aufgenommen. Dieses erfolgte erst viele Jahrzehnte später - das Metropolitan Museum of Art nahm erst 1984/85 die Untersuchungen an den Pyramidenanlagen von el-Lischt wieder auf - ab 1991 unter der Leitung von Prof. Dieter Arnold. Im Jahre 2016 wurde eine Gesamt-Publikation der amerikanischen Grabungen des Metropolitan Museums New York, in Form eines Bandes von Dieter Arnold zur Architektur des Pyramidenkomplexes und ein weiterer Band von Peter Janosi (zu den Reliefs) vorgelegt.

Besonderheit der Pyramide

Als Besonderheit der Pyramiden der 12. Dynastie gilt die Verwendung von unterschiedlichen Namen für die verschiedenen Teile des Pyramidenkomplexes. Im Alten Reich besaß nur der gesamte königliche Grabkomplex einen Namen - ab der 12. Dynastie hatten die verschiedenen Anlagen des Pyramidenkomplexes bis zu vier Namen, welche die eigentliche Pyramide, den Totentempel, die Kultanlagen des Bezirks sowie die Pyramidenstadt bezeichneten. Für die Amenemhet I.-Pyramide sind zwei Namen sicher überliefert: Die eigentliche Pyramide trug den Namen "Chau-isut-Imen-em-hat / %wt-xa Jmn-m-HA.t " (Die Stätten des Erscheinens von Amenemhet). Die Kultanlage hieß "Qa-nefer-Imen-em-hat / Hoch an Vollendung ist Amenemhet". Die Zuweisung des Namens "Ach-iset-ib-Imen-em-hat / Verklärt ist die Herzensstelle des Amenemhet" für den Totentempel ist unsicher. Die Pyramidenstadt war möglicherweise mit der Residenz identisch und trug daher vielleicht die beiden Namensvarianten "Imen-em-hat-jtj-taui / Amenemhet ergreift die Beiden Länder" und "Sehetep-ib-Re-jtj-taui / Sehetepibre [Thronname von Amenemhet] ergreift die Beiden Länder" (Quelle Hartwig Altenmüller: Die Pyramidennamen der frühen 12. Dynastie, Budapest 1992).

Die Pyramide

Schon Maspero bemerkte bei seinem 1. Besuch der Pyramidenanlage, dass für ihren Bau Steinblöcke verwendet wurden, die aus älteren königlichen Grabkomplexen aus dem Alten Reich stammten. Diese Entdeckung konnte bei späteren Untersuchungen voll und ganz bestätigt werden. In verschiedenen Teilen des Komplexes fand man zahlreiche Reliefs, welche die Namen der Könige Chufu, Chefren, Unas und Pepi (II. ?) trugen. Die genauen Gründe für diesen "Steinraub" sind unklar - u. a. deshalb weil die meisten der Blöcke nicht mehr in ihrem ursprünglichen Kontext vorgefunden wurden. Der deutsche Ägyptologe Hans Goedicke, der diese Steinblöcke genau untersuchte und katalogisiert hatte, und bietet die Erklärung an, dass "insbesondere die Taltempel dieser Herrscher in Giza und Saqqara bereits zur Zeit von Amenemhet I. in Trümmern lagen, der sie dann ohne Skrupel zu seinem eigenen Steinbruch machte". Weitere Blöcke aus dem Alten Reich wurden auch in den Fundamenten des Totentempels von Amenemhet I. entdeckt.

Die stark fragmentierte Pyramide von Amenemhet I. in el-Lischt

Bild: Courtesy to Jon Bodsworth 
- public domain -

Heute ist von der Pyramide König Amenemhets sowie die sie umgebenden Bauten nur noch wenig mehr erhalten als ein Schutthaufen von etwa 20-25 m Höhe. Die gesamte Anlage hat besonders stark unter dem Steinraub und späteren Verbauungen gelitten. Es ist heute nicht mehr festzustellen, wie lange das königliche Grabmal nach seiner Fertigstellung in Betrieb war. Jedoch muss die Anlage bereits während der 13. Dynastie im Verfall begriffen gewesen sein. Während dieser Zeit wurden im königlichen Grabbezirk, ebenso wie in den umliegenden Nekropolen Wirtschaftsanlagen und Wohnungen aus Ziegeln errichtet, die mit der Zeit selbst auch die Pyramide des Königs erfassten und Teile davon überbaut haben.

Die Pyramide in Zahlen

Name in der Antike: "Die Stätten des Erscheinens von Amenemhet"
Ursprüngliche Höhe ca. 59 m
heutige Höhe zwischen 20 - 25 m
Länge der Basisseite Basis 84 m  (160 Ellen) 
Volumen der Steinblöcke ca 129.360
Neigungswinkel: 54 ° 27'  (nach Dieter Arnold)
Kern der Pyramide 5 (nach Lepsius)
Gründungsdepots Möglicherweise unter allen 4 Ecken - gefunden wurde nur 1 an der Südwestecke (1920/21 durch das MMA
unterirdische Kammer: noch unbekannt - wegen Grundwasser
Königinnenpyramiden: keine 
Kultpyramide bislang keine entdeckt
Nordkapelle ja - total zerstört /vor dem Eingang - heute keinerlei Spuren mehr vorhanden
Schiffsgruben ja 1 - außerhalb der Umfassungsmauer
Totentempel, Aufweg, Taltempel ja - Totentempel im Osten der Pyramide (etwa 31,5 x 21m = 60 x 40 Ellen)
Name des Totentempels:
"Hoch (ragt empor) die Schönheit des Amenemhet" (nach M. Verner / Die Pyramiden, S. 436). Aufweg und Taltempel wurden bisher nicht gefunden.

Zu dem heute schwer ruinierten Zustand der Amenemhat-I.-Pyramide trug - neben dem Werk der Steinräuber - auch die Art und Weise bei, wie die Pyramide erbaut wurde. Zwar veranlasste die ungewöhnlich große Menge an Lehmziegel im Pyramidenschutt Karl R. Lepsius zu der Annahme, (siehe Lepsius, "Stein- und Ziegelpyramide Nol LX, S. 212-215), diese wäre aus Kalkstein und Ziegeln errichtet (diese Vermutung findet sich sogar noch in der jüngsten Literatur - siehe Lehner und M. Verner), was aber falsch ist und auf einer Fehlinterpretation der Befunde beruhte. Tatsächlich stammen diese von später auf den Trümmern der Pyramide errichteten Gebäuden. Als Baumaterial für den Kern kamen ausschließlich lokaler Kalkstein sowie Sand und Schutt zur Verfüllung der Hohlräume zum Einsatz. Für die Verkleidung wurde qualitätsvoller Tura-Kalkstein verwendet (Peter Janosi, Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord 2007, S. 57, Anmerkung 8).

Blöcke der Pyramide mit Schwalbenschwanzaussparungen
für Verbindungen.

Die Qualität des Mauerwerks aus Kalkstein sowie Sand und Schutt war wesentlich labiler als das Baumaterial im Alten Reich, daher wurden die Verkleidungssteine durch hölzerne Schwalbenschwanz-Verbindungen gegeneinander fixiert. Die hölzernen Verbindungsteile wurden in entsprechende Aussparungen auf der Oberseite der Steine geschlagen und befestigten die Steine sowohl in seitlicher Richtung wie auch mit dahinter liegenden Steinen.
(Quelle: GDK - Ägyptologie Amenemhet I.-Pyramide, 
Wikipedia)

 

Bild: Courtesy to Jon Bodsworth - Copyrighted free use
- www.egyptarchive.co.uk -

Das Areal der Pyramide ist heute von einem sich rasch ausdehnenden moslemischen Friedhof zerstört. Schon im Neuen Reich vergrößerte sich die Siedlungstätigkeit in diesem Gebiet um die Pyramide Amenemhats I. durch den Abbau des Gesteinsmaterials. Dieses  hatte zur Folge, dass die dort wohnenden Einwohner bei ihrer Besiedlung des Areals keinerlei Rücksicht um die dortigen Grabschächte nahmen und auch keinen Grabbau intakt gelassen haben. Vom Totentempelbezirk im Osten ist so gut wie nichts mehr im Gelände auszumachen. Die ganze Anlage liegt heute wieder zum größten Teil unter einer dicken Sandschicht und wird zudem von einem sich rasch ausdehnenden islamischen Friedhof bedroht. Die dokumentierten archäologischen Resultate lassen erkennen, dass der Komplex von der herausgebildeten Form der Pyramidenbezirke des Alten Reiches deutlich abweicht und sich nicht so einfach in ein gradliniges Schema der Pyramidenentwicklung bringen lässt.

Es erscheint etwas seltsam, dass man zu Beginn der  12. Dynastie wieder dazu überging, Pyramidenbezirke zu errichten, was aber für Amenemhet I. nur mit gewisser Einschränkung gilt. Amenemhet I. griff mit seiner Pyramide und dem dazugehörigen Totentempel zum Teil auf Vorbilder in Saqqara zurück, fügte jedoch fremdartige Elemente hinzu, welche wohl der thebanischen Tradition entstammten (wie der offene und reliefverzierte Aufweg, der vielleicht nach dem Vorbild von Mentuhotep II. im Alten Reich in Deir el-Bahari konzipiert war), dem senkrechten Schacht in der Mitte der Pyramide, der in die Grabkammer führte, sowie der zweistufigen Terrasse, mit der Pyramide auf der höheren Stufe und den Familiengräbern westlich dahinter, wie bei König Mentuhotep II. in Deir el-Bahari. Auch fehlt die Kultpyramide, die sich im Alten Reich traditionell an der Südost-Ecke des Tempelbezirks befand (wobei die innere Tempelumfassungsmauer, ínnerhalb der die Kultpyramide zu erwarten gewesen wäre, bietet nicht genügend Platz für diese Nebenpyramide - noch wurden Reste von Königinnenpyramiden in der Nähe der Königspyramide gefunden (2 + 6).

Die Gründungsgruben

Evtl. wurden beim Bau der Pyramide untere allen vier Ecken Gründungsgruben angelegt. Man fand bei der Pyramide von Amenemhets Sohn Sesostris I., die besser dokumentiert ist, unter drei der vier Ecken entsprechende Gründungsdepots (siehe Prof. Dieter Arnold: The Pyramid of Senwosret I., New York 1988 - Publication of the MET Egyptian Expedition, Bd. 22). Bei der Pyramide von Amenemhet I. legte man nur die Südwestecke frei (Grabungssaison 1920/21). Dabei entdeckte man eine Grube, die mit einer Kalksteinplatte abgedeckt und mit weißem Sand verfüllt war. Sie besaß an ihrer Oberfläch einen rechteckigen und am Boden einen ovalen Querschnitt. Das Grabungsteam entfernte die Verfüllung und fand die Gründungsbeigaben, bei denen es sich um einen Rinderschädel, sechs Tonziegel und stark zerbrochene Keramikgefäße handelte (die man aber noch zu Tellern und Vasen rekonstruieren konnte). In den zerbrochenen Tonziegeln waren kleine Tafeln eingeschlossen, welche den Namen Amenemhet I. und den seiner Pyramide trugen. Zwei der Tafeln waren aus Kupfer, zwei aus Fayence und eine aus Kalkstein. Die sechste Tafel - die wohl gleichfalls aus Kalkstein war - fehlte. Arthur C. Mace, der Grabungsleiter, vermutete, dass sie während der Freilegung durch einen der Arbeiter gestohlen wurde (Arthur C. Mace: The Egyptian Expedition: 1920/21: I. Excavations at Lisht, 1921, S. 16-17).

Das noch abgedeckte Gründungsdepot
an der Südwestecke der Amenemhet I.-Pyramide

Bild:   Mace Lisht BMMA 16-11 9.jpg
Autor: Arthur C. Mace, Wikipedia 1920/1921
Lizenz: Gemeinfrei

 

Die Umfassungsmauern und Bauten im äußeren Hof

Die Pyramide und der Totentempel waren von zwei Umfassungsmauern umgeben. Die innere Mauer umfasste die Pyramide selbst und bestand aus Kalksteinblöcken mit einer Abmessung von 110 x 110 m. Im Osten befand sich ein Annex dieser Umfassungsmauer, der den Totentempel mit einschloss. von hier ging auch der heute nicht mehr vorhandene Aufweg ab.

Die äußere Umfassungsmauer hatte eine Abmessung von 195 x 155 m und war aus Lehmziegeln errichtet. Sie umschloss den gesamten  Pyramidenbezirk. Neben der Pyramide und dem Totentempel schloss die äußere Umfassungsmauer aus Lehmziegeln auch einige Mastaben sowie 22 Schachtgräber mit ein, die sich in einer Doppelreihe entlang der Pyramide hinzogen, in denen Familienmitglieder und verdiente Höflinge beigesetzt wurden. Man fand bei den Ausgrabungen eine Opfertafel mit dem Namen der "Königsmutter" Nofret und die Mastaba des Wesirs Antefiqer (Nr. 400), des Schatzmeisters Rehuerdjersen (Nr. 372) und des Obervermögensverwalters Nacht (463) sowie die Mastaben Nr. 954 und Nr. 956. Bei den Ausgrabungen wurde im Mastababezirk eines Beamten mit dem Namen Sesostris (wohl Nr. 470 und wohl aus der Zeit von Amenemhet I.) auch die unberührte Bestattung der Dame Senebtisi entdeckt. Die Bestattung, die viel Schmuck enthielt wird an das Ende der 12. Dynastie datiert.

Eine weitere erwähnenswerte Grabanlage mit der Nr. 954 wurde 1921/22 von der Expedition des Metropolitan Museum ausgiebig dokumentiert. Sie besitzt eine 18,50 x 22,20 m messende Umfassung aus Ziegeln. Die Anlage befindet sich nördlich des Totentempels und ein 2,80 m breiter Schacht führt etwa 3 m in die Tiefe, wo er sich dann verzweigt. Ein von der Südwestecke abgehender Gang führt ins Grundwasser und wurde bisher noch nicht näher untersucht. Dieser Gang weist drei Ebenen von jeweils sechs Sarg-Nischen auf, die in nördlicher und südlicher Richtung von dem Schacht abzweigen. Alle zwölf Nischen der beiden oberen Ebenen waren belegt, die unteren waren hingegen ungenutzt geblieben (siehe Dieter Arnold, Middle Kingdom Tomb Architecture at Lisht. New York, 2008, S. 82-83).

Die Begräbnisse wurden unberührt aufgefunden. Sie enthielten als Grabbeigaben zahlreichen Schmuck in Form von Halskragen, Ketten, Arm- und Fußbändern. Nur ein Sarg trug Inschriften mit dem Namen seiner Besitzerin, einer Frau mit dem Namen "Sat-Sobek" (Arthur C. Mace: The Egyptian Expedition - Excavations at Lisht, 1922, S. 6-10). Die Datierung der Anlage ist bis heute sehr schwierig. Eines der Begräbnisse wurde anhand der Beigaben in die frühe 12. Dynastie datiert, die Architektur passt hingegen eher in die 13. Dynastie (Dieter Arnold, Middle Kingdom Tomb Architecture at Lisht, New York 2008, S. 82) (1).

Entlang der westlichen Außenseite der inneren Umfassungsmauer verlaufen zwei annähernd regelmäßige Reihen von jeweils 11 Schachtgräbern. Die östlichen Gräber - mit Ausnahme des südlichsten, waren sorgsam ausgeführt. Die Schächte führten in Tiefen von etwa 10 m und mündeten dort in einzelne Grabkammern, die eine Vertiefung im Boden zur Aufnahme eines Sarkophages aufwiesen. Die anderen Schächte waren deutlich grober gearbeitet und besaßen bis zu 16 Kammern. Dieses veranlasste die Ausgräber zu der Hypothese, dass die östlichen Gräber für die weiblichen Mitglieder der Königsfamilie vorgesehen waren, die westlichen hingegen für ihre Dienerschaft. Da alle Gräber aber geplündert und sogar die Sarkophage entfernt wurden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, für wen welches Schachtgrab bestimmt war (siehe Arthur Mace: The Egyptian Expedition 1920-1921, 1921)

Grundriss der Südwestecke des äußeren Hofs 
mit der Mastaba des Rehuerdjersen 
und der südlichen Hälfte der Schachtgräber der Prinzessinnen

Bild:  Arthur C. Mace (1874 - 1928) - The Egyptian Expedition 1920-21 at Lisht
- gemeinfrei -

 

Das Innere der Pyramide
- und wiederverwendete Blöcke mit Königsnamen aus dem Alten Reich -

Wie schon weiter oben bei der Forschungsgeschichte erläutert, gelang es 1883 Gaston Maspero ins Innere der Pyramide vorzudringen, wurde aber durch den damals schon hohen Grundwasserspiegel daran gehindert, in die tiefer gelegenen Grabräume vorzudringen. Der amerikanische Ägyptologe C. E. Wilbour, der damals des öfteren bei Maspero zu Gast war, berichtete aber über die "wiederverwendeten Steinblöcke" aus dem Alten Reich im Inneren der Pyramide. Er beschrieb einen großen Steinblock aus Kalkstein, der schöne Reliefs besaß - dieser konnte 1991 durch ein Team des Metropolitan Museums of Art wiedergefunden werden.

Das Expeditionsteam unter ihrem Leiter Prof. Dieter Arnold fand des weiteren Steinblöcke, welche die Namen der Könige "Snofru, Cheops, Chephren, Userkaf, Unas und Pepi (1) (?)" trugen. Prof. Arnold schloss die Möglichkeit nicht aus, dass diese Blöcke nicht nur aus älteren Grabbezirken des Alten Reiches stammten, sondern evtl. auch aus Tempelgebäuden, die diese Herrscher damals in der Nähe von el-Lischt errichten ließen und die zur Zeit von Amenemhet I. wohl schon im Zerfall gewesen waren und daher als "billige" Steinbrüche verwendet wurden.

Tempelrelief aus dem Alten Reich mit der Kartusche von König Chufu
Region Memphis, el-Lischt Nord, Pyramidentempel Amenemhet I. 
Ausgrabung des MMA, 1920-22 - Kalkstein, Abmessungen: H.  26 x B. 62,4 x T. 8 cm (24,9 kg)_
- z. Zt. nicht ausgestellt - Nr. 22.1.19 - Rogers-Fonds  und Geschenk von S. Harkness 1922

Bild: Tempelrelief - Courtesy to the Metrop. Museum for public domain

Wahrscheinlich sind die bisher aufgefundenen Reliefblöcke der Herrscher aus dem Alten Reich nur ein Bruchteil des einst verwendeten Baumaterials (Prof. Arnold merkte an, dass sich der Großteil davon noch im inneren Kern der Pyramide befinden und leider aufgrund des Grundwasserspiegels nicht zugänglich ist (4). Weitere wiederverwendet Blöcke aus dem Alten Reich wurden in den Fundamenten des Totentempels entdeckt (Quelle: Peter Jánosi: der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord, 2007, S. 54-55). 

Relieffragment aus dem Alten Reich
Kalkstein H. 25,4 x B. 37,5 cm
Metropolitan Museum Nr. 22.1.23 
Fundort: el Lischt Pyramide Amenemhet I.
Rogers-Fonds/Geschenk v.  Harkness 1922

Dieses Relieffragment zeigt eine der aufwendigsten Szenen aus dem Alten Reich. Es sind - bei genauer Betrachtung - Teile von mindestens 4 Bogenschützen zu sehen, drei stehen und einer kniet. Es wurde lt. Museums-Info vermutlich in der Zeit zwischen den Regierungszeiten von Cheops und Chephren angefertigt. Die Figuren der Bogenschützen heben sich deutlich vom Hintergrund ab und die Gesichtszüge sind in den fein modellierten Gesichtern tief herausgearbeitet.

Das Fragment wurde bei den Ausgrabungen des MMA im Pyramidenkomplex von Amenemhet I. in el-Lischt gefunden und wurde beim Bau der Pyramide wiederverwendet.

Bild: Tempelrelief - Courtesy to the Metrop. Museum for public domain

 

Relief fragment with king Khufu's cattle
found el-Lisht North, Pyramid-Complex of Amenemhet I., re-used as foundation of French Mastaba,
southwest corner of Pyramid, MMA excavations,1920-1922; Limestone
H. 46 x B. 137,5 cm - Estimated weight: 131,5 kg - Object Nr.: MMA 22.1.3a+b

Dieses Fragment eines Relief-Blocks mit der Darstellung der Rinder von König Cheops wurde ebenfalls im Pyramidenkomplex von König Amenemhet I. in el-Lisht gefunden - wiederverwendet als Fundament in einer von den Franzosen ausgegrabenen Mastaba, südwestliche Ecke der Pyramide (Ausgrabung MMA 1920-23).

Diese Rinder mit ihren langen, leierförmigen Hörnern waren vermutlich Opfertiere für den Totenkult des Cheops. Solche Rinder wurden in Herden gehalten, die auf den offenen Grasflächen des Nildeltas oder am Wüstenrand grasten. Die Inschriften auf ihren Rücken nennen den Namen des Königs, sind aber ansonsten schwer zu übersetzen, sie scheinen sich auf abgelegene oder fremde Länder zu beziehen.
(Textquelle: Online-Katalog des Metropolitan Museum of Art

Bild: Courtesy to the Metropolitan Museum of Art (MMA), New York
- public domain - 

 

Wiederverwendete Blöcke des Alten Reiches
im Bodenpflaster der Amenemhet I.-Pyramide

Bild: Arthur C. Mace, The Egyptian Expedition at the North Pyramid of Lisht, MMA Bulletin, Bd. 9, No 10, Okt 1914
public domain - gemeinfrei wegen Ablauf der Schutzfrist

 

Die kleinere Scheintür aus Kalkstein
aus dem Totentempel der Amenemhet 1-Pyramide

- Bild: Albert M. Lythgoe: The Egyptian Expedition: in the Metropolitan Museum of Art Bulletin, Bd. 2, No. 7, Juli 1907. S. 113-117 -
Lizenz: gemeinfrei

Das Kammersystem
Wie auch bei den Pyramiden des Alten Reiches führte von der Nordkapelle aus ein mit Rosengranit verkleideter, absteigender Gang schräg nach unten. Er war auf seiner ganzen Länge mit Steinen des gleichen Materials versiegelt. Dieser Gang mündete direkt unter dem Zentrum der Pyramide in eine kleine, mit Granit verkleidete Kammer mit einem rechteckigen Grundriss und einer flachen Decke. Ihre Länge betrug 2,63; ihre Breite 1,14 m und sie war 1,45 m hoch. Entlang der westlichen Außenseite des absteigenden Gangs führt ein Grabräubertunnel durch den weicheren Kalkstein in die Kammer. Von der Mitte des Kammerbodens aus führt ein quadratischer Schacht mit einer Seitenlänge von 0,75 m mindestens 11 m senkrecht in die Tiefe. Dieser Schacht konnte aufgrund des anstehenden Grundwasser bislang nicht näher erforscht werden. 

Dieses und die Tatsache, dass ein solches Kammersystem deutlich von den Vorbildern des Alten Reichs abweicht, sorgt auch für Unklarheit über die eigentliche Grabkammer. Während Prof. Dieter Arnold die erforschte Kammer für die Grabkammer hält (siehe: Peter Jánosi: der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord, 2007), sehen andere Forscher wie Mark Lehner, Rainer Stadelmann oder Miroslav Verner sie lediglich als Vorkammer an und vermuten, dass das Kammersystem sich an thebanischen Vorbildern der 11. Dynastie orientiert und die eigentliche Grabkammer somit noch unentdeckt am Ende des senkrechten Schachts liegen würde.

Rekonstruktion 
Pyramidenanlage Amenemhet I.

Die Pyramide ist in Skelettbauweise errichtet worden - ihre Basislänge beträgt 84 m, die Höhe betrug einst wohl 58 m. An ihrer Ostseite befinden sich die Reste des Opfertempels, auf der Westseite zahlreiche Schachtgräber in zwei Reihen wohl für die Königinnen und Prinzessinnen. Nördlich des Opfertempels (Totentempel) findet man die Überreste der Mastaba des Antefoqer.

Bild: Pyramidenkomplex von el-Lischt
Autor: R. F. Morgan, Wikipedia 26. 7. 2013
Lizenz: CC-BY-SA 3.0

 

Nordkapelle und der Eingangsbereich

Ebenso wie bei den Anlagen des Alten Reiches lag der Eingang ins Innere der Pyramide zentral an der Nordseite in Bodenhöhe. Über den Eingang befand sich die sog. "Nordkapelle", von der sich aber heute aufgrund des Steinraubes an der Pyramide, nichts mehr erhalten hat. Heute sehen wir nur noch den oberen Teil des noch original verschlossenen Eingangskorridors.

Einen bemerkenswerten Fund machte das Ausgrabungsteam vom Metropolitan Museum of Arte (New York) am Eingangsbereich - eine verworfene große Scheintür aus Rosengranit und ein Granit-Pflaster, die beide aus Spolien verbaut worden waren. Von der Scheintür sind nur noch 2/3 erhalten - sie hat heute noch eine Höhe von 3,86 m und eine Breite von 2,20 m bei einer Tiefe von 0,83 m. Ihre ursprüngliche Breite dürfte etwa 3,30 m betragen haben. Sie war damit die größte bekannte Scheintür aus allen ägyptischen Pyramidenkomplexen. Sie befindet sich heute im Museum Kairo (JE 40485). Obwohl die Inschriften ausgemeißelt wurden, lassen sich noch Spuren von Namensnennungen Amenemhets I. ausmachen. Lt. Dr. Dieter Arnold stand sie ursprünglich evtl. im Totentempel und wurde dann aus unbekannten Gründen (vielleicht weil sie zerbrach ?) durch eine kleinere Steintür aus Kalkstein ersetzt und als Deckenblock des absteigenden Gangs wiederverwendet (Quelle: Arthur C. Mace: The Egyptian Expedition 1908. S- 187 + Peter Jánosi: Der Pyramidenkomplex Amenemhets I. in Lischt-Nord 2007, S. 52-53)

Eingangsbereich der Pyramide
mit verworfener Scheintür
während der Grabung 1907/08

Die Scheintür (heute im Museum Kairo, JE 40485 - H. 3,86 x B. 2,20 x T. 0,83m) dürfte ursprünglich etwa 3,30 m breit gewesen sein und ist damit die größte bekannte Scheintür aus allen ägyptischen Pyramidenkomplexen. Es lassen sich noch Spuren des Namens von Amenemhet I. ausmachen. Vermutlich stand sie ursprünglich im Totentempel und wurde aus heute unbekannten Gründen durch eine kleinere Struktur ersetzt und als Deckenblock des absteigenden Gangs wiederverwendet (1).

 

Grabungsbild 1907/08 - der MET-Expedition - public domain

Außer der oben beschriebenen "Scheintür" wurde noch eine weitere große Granitplatte gefunden, die als Spolie mit der einstigen Oberseite nach unten als Bodenpflaster am Beginn des Eingangskorridor der Pyramide, der heute freiliegt, verwendet wurde. Die Granitplatte hat eine Breite von 3,05 m, eine erhaltene Tiefe von 2,10 m und einen Durchmesser von 0,85 m mit einem Gewicht von 15t. Diese Granitplatte wurde bereits am Beginn der amerikanischen Expedition Anfang des 20. Jahrhunderts freigelegt - die historische Bedeutung dieser Platte wurde aber damals noch nicht erkannt.

Dieter Arnold konnte nachweisen, dass es sich ursprünglich um einen Schwellenstein von einer Nordkapelle des Alten Reichs handelte, der zwischen ihrem Eingang und dem im Boden befindlichen Zugang zum Kammersystem verlegt war. Ein im Hof ansetzender Eingang mit darüber gebauter Kapelle ist ein architektonisches Merkmal, das nur auf die Pyramidenanlagen der späten 5. Dynastie (ab Djedkare) und der 6. Dynastie zutrifft. Eine Zuweisung zu einer bestimmten Pyramide war aber bislang nicht möglich (Quelle: Dieter Arnold: Eine verlorene Pyramide? Hamburg 2003, S. 7-10).

Nordseite der Pyramide des Amenemhet I., Lisht, Ägypten

Bild:      LishtAm1NorthSide
Autor: Roland Unger, Wikipedia 13. 3. 2003
Lizenz:  CC BY-SA 3.0

 

Amenemhet I.-Pyramide
- Plan Courtesy to Franck Monnier -
modifiziert von Nefershapiland
- public domain -

M 372 = Mastaba des Rehuerdjersen
M 470 = Mastaba des Senemeru (Siegelbewahrer)
M 400 = Mastaba des Antefoqer
M 493 = Mastaba des Nacht 
M 954 = evtl. Sat-Sobek / 12. oder 13. Dynastie
M 956 = unbekannt

 

Die Schachtgräber der Prinzessinnen

Zwei annähernd regelmäßige Reihen von jeweils 11 Schachtgräbern verlaufen entlang der westlichen Außenseite der inneren Umfassungsmauer, mit Ausnahme das von Süden aus gesehene zweite Grab der westlichen Reihe, das leicht nach Osten hin versetzt ist. Die einzelnen Gräber weisen Abstände zwischen 5 und 6 m voneinander auf. Mit Ausnahme des südlichsten Grab, waren die östlichsten Gräber sorgsam gearbeitet. Die Schächte führten in Tiefen von etwa 10 m und mündeten dort in einzelne Grabkammern, welche eine Vertiefung im Boden zur Aufnahme des Sarkophags aufwiesen. Die anderen Schächte waren deutlich grober gearbeitet und besaßen bis zu  16 Kammern, was die Ausgräber zu der Annahme veranlasste, dass die östlichen Gräber alle für die weiblichen Mitglieder der Königsfamilie vorgesehen waren, die westlichen hingegen wohl für deren Dienerschaften. Leider wurden alle Gräber geplündert - sogar die Sarkophage wurden entfernt - und es lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, für wen welches Schachtgrab bestimmt war (Quelle: Arthur M. Mace, The Egyptian Expedition 1920-1921, Excavations at Lisht, 1921, S. 15).

In den oberen Verfüllungen zweier Schächte wurden ein Steinfragment mit dem Namen der Königstochter "Neferu (III.)" und ein Granit-Gewicht mit dem Namen der Königstochter "Neferuscheri" gefunden (Quelle: Arthur M. Mace, The Egyptian Expedition 1920-1921, Excavations at Lisht, 1922, S. 12). Neferuscheri war evtl. im Pyramidenbezirk bestattet worden. 

Für "Neferu (III.)" hingegen, die Gemahlin von Sesostris I. und Mutter seines Sohnes Amenemhet II., wurde eine Pyramide im Grabbezirk ihres Gemahls errichtet - aber auch eine Bestattung bei der Pyramide ihres Sohnes wird in Erwägung gezogen (siehe Aidan Dodson, Dyan Hilton, The Complete Royal Families of Ancient Egypt, American University in Cairo Press, London 2004, ISBN 977-424-878-3, S. 92, 96)

Ein in einem Haus wiederverwendeter Altar der Königsmutter Nofret legt den Schluss nahe, dass auch die Mutter von Amenemhet I. in einem der Schächte bestattet wurde. Ein weiteres Relieffragment, das aus el-Lischt stammt, nennt eine Königstochter namens "Kaiet" (Quelle: siehe Aidan Dodson, Dyan Hilton, The Complete Royal Families of Ancient Egypt, American University in Cairo Press, London 2004, ISBN 977-424-878-3, S. 92, 96). In einem Schacht fanden die Ausgräber - lt. Arthur C. Mace - noch ein großes Goldröhrchen von einem Armband, welches die Grabräuber wohl übersehen hatten.

Der Totentempel

Der Totentempel des Amenemhet I. stand im Osten der Pyramide auf einer in den Hügel geschlagenen Terrasse. Diese lag um etwa 3 m tiefer als das Niveau der Pyramide. Vielleicht hat hier der Terrassentempel des Mentuhotep II. in Deir el Bahari als Vorbild gedient. Heute ist der Totentempel vollständig zerstört - man fand nur Gründungsdepots, eine Scheintür und einen Altar aus Granit. Der Tempelbau und seine Ausstattung werfen zahlreiche Fragen auf. Als die Archäologen ihn freigelegt hatten, war er nur noch in seinen Grundsteinen erhalten, so dass sich seine architektonische Gestalt nicht mehr rekonstruieren lässt. Es erscheint so, dass die Baumeister Amenemhets für den Bau des Grabmals eine erhöhte Lage der Pyramide auswählten, um daran die tiefer liegenden Kultbauten anzuschließen. Leider sind von spärlichen Fundamentresten des ostwestlich orientierten Totentempels nichts mehr erhalten. Nur noch die ungefähren Abmessungen des Tempels waren abschätzbar. Dieser hatte eine Ausdehnung von etwa 31,5 x 21 m = 60 x 40 Ellen, was auffallend klein erscheint (1+3+4).

Einiges deutet daraufhin, dass der Tempel mehrmals um- oder sogar komplett neu erbaut wurde (evtl. aber auch während der Zeit von König Sesostris I.). Im Fundament dieses Tempels fanden sich Spolienblöcke eines gemeinsam von Amenemhet I. und Sesostris I. erbauten Tempels - mit Darstellungen, die Amenemhet I. und Sesostris I. gemeinsam zeigen (4). 

Altar aus dem Totentempel von Amenemhet I.
heute im MMA New York, Inv.-Nr. 09.180.526 - Granite, H. 161 x B. 166 x D. 47 cm

Dieser imposante Opfertisch wurde am westlichen Ende eines Ganges direkt außerhalb der Nordmauer des Totentempels von König Amenemhet in einer der Gründungsgruben in Lischt-Nord gefunden (Region Memphis, Ausgrabung des MMA, 1906-08, Rogers Fund). Vermutlich wurde er von den Steinbrucharbeitern dort aufgestellt, die - höchstwahrscheinlich in der Ramessidenzeit - den Tempel abtrugen. Ursprünglich stand der Opfertisch vermutlich im offenen Hof des Tempels, sein grob geformter, inzwischen entfernter Unterteil war im Boden versenkt. Ein rechteckiges Trankopferbecken ist in die Oberseite des Objekts eingraviert, ebenso wie Darstellungen eines Opferteppichs mit zwei Trankopfergefäßen (sog. "hes-Vasen") und drei Brote im Flachrelief. In das mittlere Brot sind der Thronname des Königs und der Horusname sowie der zusätzliche Spruch eingraviert, der lautet: "Möge [ihm] ewiges Leben geschenkt werden".

Im Zentrum der Vorderseite des Opfertisches bildet der eingravierte Geburtsname (Amenemhet) des Königs den Mittelpunkt für Reihen von sich nähernden Fruchtbarkeitsfiguren (Männer und Frauen mit Opfergaben), die durch Inschriften als Abgesandte der ägyptischen Gaue Opfergaben herbeibringen.
(Text: nach Online-Katalog MMA)

Bild: Courtesy to The Metropolitan Museum of Art, 1981, Lizenz: CC0 1.0 Gemeinfrei

Die wenigen erhaltenen Reliefs des Totentempels erscheinen vom Stil her den Darstellungen der Tempel des Alten Reiches so ähnlich, dass eine stilistische Trennung oft nicht leichtfällt. In den wenigen mit Kalkstein abgedeckten Öffnungen der Gründungsdepots fand man einen Ochsenschädel, Farbmörser und Modelvasen aus Ton und Alabaster, sowie Ziegel mit Kupfer, Alabaster- und Fayenceplatten mit der Inschrift: "Die Erscheinungsorte des Amenemhet" - was wohl der Name der Pyramide gewesen war. Eine andere Inschrift, die an einer anderen Stelle gefunden wurde lautete: "Die Vollkommenheit Amenemhets sei gepriesen", was sich womöglich auf den Namen des Totentempels bezog.

Die einzigen, erhaltenen Objekte aus der Tempelausstattung, die erhalten geblieben sind, waren der Granitaltar- oder Opfertisch (?) und eine Scheintür aus Kalkstein.

Im Pyramidenbezirk wurden Relieffragmente in einer größeren Zahl verstreut gefunden, die oft schwierig in ihrer Deutung sind. Die Ägyptologen unterscheiden zwei verschiedene Arten. Nur wenige der Blöcke stammen aus dem Fundamentbereich des Totentempels - diese besitzen dann einen sicheren archäologischen Kontext, der zuzuordnen war. Bei der überwiegenden Mehrheit der anderen Blöcke lässt sich ihre Herkunft nicht mehr feststellen. Im Metropolitan Museum of Fine Arts in New York befindet sich das Fragment einer kannelierten Säule mit den Rest einer Inschriftenkolumne (MM 09.180.525DA), die aus dem Totentempel stammt.

Relief Block mit den Namen von Amenemhab I. und Sesostris I.
- heute im MMA (Nr. 09.180.113) - Kalkstein, H. 37,5 x B. 88 x D. 13 cm - Rogers Fund 1909 -

Auf diesem Reliefblock, das bei den Ausgrabungen des MMA 1908-09 in el-Lischt (Tempel des Amenemhet I., nordöstliche Ecke der Statuen-Kult-Kammer, Tempel B) gefunden wurde ist auf der rechten Seite der Name von Amenemhet I. und auf der linken Seite der von Sesostris I. zu lesen. Lt. Museums-Katalog deuten die hier dargestellten Szenen auf eine Koregentschaft hin, was eine neue Entwicklung im Mittleren Reich war.

Bild: Courtesy to the Metropolitan Museum of fine Art, for Public Domain

 

Türsturz mit Darstellung von Amenemhet I. - flankiert von Nechbet, Horus, Anubis und Wadjet
- heute im MMA, Kalkstein, Farbe - H. 36,8 x B. 172,7 x T. 13,3 m (182,7 kg) - Nr. 08.200.5

Dieses Relief, das im Fundament des Totentempels von König Amenemhet I. in Lischt gefunden wurde, stammt lt. Online-Katalog des MMA aus einem älteren Gebäude, das entweder an derselben Stelle oder an einem anderen Ort in der Gegend von Itj-Tauwj (der alten Hauptstadt) stand. Das Flachrelief ist filigran, viele Details sind nur noch durch die gut erhaltene Bemalung erkennbar.

Die Szene zeigt den König (Amenemhet I.) bei der Feier seines dreißigjährigen Thronjubiläums (Sed-Fest), mit dem er rituell seine anhaltende Kraft und seine Fähigkeit zu herrschen demonstrierte. Der König wird von dem schakal-köpfigen Gott Anubis und dem falkenköpfigen Gott Horus flankiert - Gottheiten, die eng mit den Krönungsritualen verbunden sind. Jeder Gott überreicht dem König ein Anch (das Zeichen für Leben). Ganz links steht Nechbet, die Schutzgöttin von Oberägypten und rechts Wadjet, die Göttin von Unterägypten im Norden.

Der König trägt eine kurze Lockenperücke, eine Uräusschlange auf der Stirn, die zum Schutz gegen Feinde diente und den typischen Königsbart. In der Hand trägt er eine Geißel, ein Symbol seiner Herrschaft und ein Zeremonialinstrument mit Namen "Mekes".
(Text: nach Online-Katalog MMA).

Bild: Courtesy to the Metropolitan Museum of fine Art, for Public Domain

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Der Aufweg vom Taltempel zum Totentempel war nicht überdacht und bestand ebenfalls aus reich dekorierten Kalksteinmauerwerk. Die Reliefs ahmen bewusst den Stil des Alten Reiches nach und sind von diesen kaum zu unterscheiden. Der Taltempel liegt heute unter Wasser und ist daher noch nicht dokumentiert worden. (1).

Quellen und Literatur
1.  dt. und englische Wikipedia "Amenemhet I-Pyramide"
2. 
Miroslav Verner "die Pyramiden", Rowohlt-Verlag 1998)
3.  Peter Janosi, The Pyramid Complex of Amenemhat I. at Lisht, The Reliefs, New York 2016
4.  Dieter Arnold, The Pyramid Complex of Amenemhat I. at Lisht. The Architecture, New York 2016
5.  Mark Lehner, Geheimnis der Pyramiden, Düsseldorf 1997,
6.  Rainer Stadelmann, Die ägyptischen Pyramiden - vom Ziegelbau zum Weltwunder, v. Zabern-Verlag, Mainz 1991.

 


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